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re:prise

ich schreibe diesen Blog nun schon seit 12 Jahren, mit der Absicht, Veränderungen festzuhalten, solange ich sie noch als Veränderungen wahrnehme. Der Benzinpreis ist ein gutes Beispiel dafür: Rege ich mich heute noch darüber auf, dass dieser auf 1.18€ erhöht wurde, nehme ich schon wenig später kommentarlos hin, dass er über 2.20€ liegt.

Nach 2017 schweigt mein Blog. Warum? Ich hatte das Gefühl, dass der Wandel so gleichförmig geworden war, die “Digitale Revolution” den Glanz des Neuen verlor, die Entwicklung auf einem Plateau angekommen war, der Start Up Hype nur noch künstlich ernährt und hochgehalten wurde. Ja, es standen plötzlich noch einmal 1000 Autos mehr von einem neuen Car Sharing Anbieter in der Stadt – aber es waren doch nur wieder Car Sharing Autos. Die anfängliche Faszination aber war verflogen, die ich in den erwartungsfroh-bangen Sekunden empfand, bis sich ein wildfremdes Auto wie von Geisterhand öffnete – gesteuert über mein Handy, das ehemals ein Telefon war.

Die alte Welt schien sich mit der neuen ganz gut arrangiert zu haben. Unglaublich fortschrittliche Unternehmen erlaubten ihren Mitarbeiter*innen, die damals noch MitarbeiterInnen waren, einzelne Home-Office Tage, obwohl die Skepsis der Kolleg*innen blieb, ob dann wirklich auch jede*r bis pünktlich 17Uhr arbeitete und nicht heimlich schon mal die Waschmaschine anschmiss oder das Abendbrot vorbereitete.

Dann urplötzlich wurde das öffentliche Leben ausgeknipst. Von jetzt auf gleich. Von einem Virus, das erst nur ein Gerücht war – und bis heute für viele ein Gerücht geblieben ist. Was das Ding mit seinem digitalen Namensvetter gemeinsam hat: Es ist unsichtbar und das macht es unheimlich. Die Welt verfällt in eine Schockstarre, hält sprichwörtlich den Atem an oder filtert diesen durch FFP2 Masken.

Alle Welt ist empört und schreit, wir wollen unser altes Leben zurück. Im Handumdrehen erscheint, worüber wir uns noch vor Kurzem furchtbar echauffiert haben, das wahre Paradies gewesen zu sein. Wurde gerade noch über die schrecklichen Kolleg*innen gelästert, welche es nicht mal schaffen, Ihre Kaffeetassen in den Geschirrspüler zu stellen, werden plötzlich die “informellen Gespräche in der Büro-Küche” zu gesellschaftlichen Mikro-Events von immensem sozialem Wert verklärt.

Die S-Bahnen und Fitness-Clubs sind leer. Die Straßen zugestellt von Amazon-Lieferfahrzeugen, als würde der Staat Kalifornien die Stadt besetzen. In der Not beginnt nun auch die letzte Omi noch, mit ihren Enkeln zu zoomen, obwohl sie gehofft hat, dass ihr die Nutzung von Tablet und Smartphone in diesem Leben erspart bliebe. Und der Yogalehrer lernt, dass er zwar all seine Kund*innen in Zürich verliert, dafür aber welche in St. Gallen und Tel Aviv dazugewinnen kann – online.

Und mitten in diese umwälzenden Entwicklungen in Gesellschaft und Wirtschaft kommt der Krieg. Dieses brachialste aller brachialen gesellschaftlichen “Ereignisse”, welches einen daran zweifeln lässt, dass der Mensch überhaupt zu einer Entwicklung fähig ist.

Nächste Woche beginnt in Berlin die re:publica, Konferenz für die digitale Gesellschaft. Das Festival, wie es auch genannt wird, wurde 2020 kurzfristig abgesagt, weil es plötzlich nichts mehr zu feiern gab. Nun soll es also weitergehen, das Offline Leben, das echte Leben. Unter neuen Vorzeichen. Welche das sind und wie posi- oder negativ diese am Ende sind, kann heute noch niemand sagen.

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