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RIP Carnet à esquisses

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Die Entfremdung vom Notitzbuch in 4 Schritten

1. Schritt
20 Jahre lang habe ich in Notitzbüchern geschrieben, Carnet à esquisses, die ich noch lange nach meinem Studium und lange nach meiner Zürich-Zeit im Studentenladen der ETH Zürich gekauft habe.

2. Schritt
Auf irgendeinem mit der Welt verbundenen Gerät zu schreiben war mir suspekt: Der Schweizer in mir weiss, dass Datensicherheit alles bedeutet. Ich mag mich an die Aufregung erinnern, als ich auf einem Notitzzettel auf meinem i-Phone den ersten persönlichen Gedanken niedergeschrieben habe; alles, was auf dem angeblich smarten Phone ist, wird synchronisiert wer weiss mit wem.

3. Schritt
Und dann der erste Blog-Post: Schreiben und gleich veröffentlichen drücken, darin bestand die Mutprobe. Unterdessen merke ich, dass ich beim Blog schreiben ein größeres Gefühl von Sicherheit habe als bei allem anderen, was ich auf dem Rechner oder auf dem Smartphone niederschreibe: Beim Blog entscheide ich mich freiwillig dafür, die Texte zu veröffentlichen.

4. Schritt
Im Sommer 2013 brechen die Einträge in meinen Notitzbüchern komplett ein (zur gleichen Zeit, wie der Axel Springer Verlag sich von allen Titeln trennt, denen man nicht zutraut, in die digitale Welt gerettet zu werden). Bedenkenlos wird ab jetzt jeder Gedanke auf Notitzzettel gehämmert, die in meinem Telefon in unendlicher Anzahl vorhanden sind und sogar gelb eingefärbt sind, um mich glauben zu machen, sie seinen da. Wie ich aber schnell merke, ist das Schreiben in digitalen Medien nicht nur ein Wechsel des Mediums sondern hat viel tiefgreifenderen Einfluss darauf, was und wie ich schreibe – und sogar denke.

Verfügbarkeit
Jeder Gedanke kann sofort – mit einem Griff in die Hosentasche – notiert werden. Ob das ein Vorteil ist? War nicht die kleine Hürde – lohnt es sich für diesen Gedanken das Notitzbuch hervorzukramen und die Kugelschreibermiene herauszuklicken – schon ein erster Qualitätscheck für den Gedanken?

Non-Linearität
Die digitalen Notitzzettel – so banal sie sind, ermöglichen eine Sache, mit der ich zu Zeiten meiner papierernen Notitzbücher erfolglos gekämpft habe: Das thematische Ordnen von Texten. Mir ist nämlich bei Lesen älterer Texte aufgefallen, dass die gedankenlos dahingeschriebenen Gedanken immer wieder um dieselben Themen kreisen – mal in Abständen von Tagen, Wochen oder Jahren (Adolf Muschg sagte einmal: Jeder Mensch kann nur eine Geschichte erzählen: Seine eigene).
Ein Inhaltsverzeichnis über ungeordnet zu Papier gebrachte Texte in physischen Notitzbüchern zu erstellen ist fast unmöglich. – Mit thematisch geordneten Notitzzetteln, schreibe ich bereits geordnet und genau hier liegen Heil und Unheil sehr nah beieinander: Indem ich die Gedanken schon thematisch zu-ordne, bevor ich sie aufschreibe, enge ich sie schon wieder ein.

Sinn & Zweck
Beim darüber Nachdenken, wie das Schreib-Medium das Schreiben beeinflusst, komme ich nicht umhin, auch über den Sinn und Zweck des Schreibens nachzudenken. Soll mein schreiben ein linearer Fluss sein, mit den genannten thematischen Schlaufen oder soll das Schreiben sich auf einen Endpunkt hin verdichten? 

Sehe ich im Schreiben ein Medium der Poesie entscheide ich mich für ersteres, sehe ich darin ein Medium der Erkenntnis für zweiteres.

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Die Cloud - der digitale Himmel

Wollt Ihr die totale Schreibmaschine?

Das globale digitale Versenden von Daten macht eigentlich keinen Sinn.
Sätze wie „Ich habe Dir eine mail geschickt“ oder „hast Du meine mail bekommen“ wird es in Zukunft nicht mehr geben.

Denn eigentlich geht es nur um Zugriffsrechte. Wer darf was lesen und wer nicht.
„Ich habe das mit Dir geshared“ ist das neue „Ich habe Dir das geschickt“.
Und statt „Ich habe Deine mail bekommen“ heisst es dann „ich habe auf Deine mail zugegriffen“

Die Dokumente müssen also nur noch einmal vorhanden sein, versehen mit beliebig vielen Zugriffsrechten. Eine Sammelmail ist dann einfach ein Dokument, auf das eine Sammlung von Menschen Zugriff hat.

Der Gipfel dieser Entwicklung ist, dass nicht nur die Dokumente nur einmal vorhanden sein müssen sondern dass auch die Programme, mit denen sie erstellt werden nur  einmal vorhanden sein müssen. Sätze wie „Ich konnte Ihre Datei nicht lesen, auf meinem Rechner ist kein Keynote installiert, wird es dann auch nicht mehr geben. Das gerade in diesen Tagen massiv beworbene Chrome Book von Google (von wem sonst) macht’s vor – es ist nur noch ein Schreib- und Lese-Medium, hat also (soweit ich das versteh) selber gar keine Programme mehr. Es ist mehr oder weniger ein Telefonhörer zur digitalen Welt, nur mit Bildschirm.

Gibt es bald nur noch ein globales Word-Programm, auf dem alle Schreiben? Man stelle sich vor, Marx und Hitler würden zu derselben Zeit leben und gleichzeitig auf derselben Schreibmaschine an dem Manifest und an dem Kampf arbeiten – getrennt nur durch die dünne Schicht der Zugriffsrechte.