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Ent-Scheidung

Ein Traum. Aufgrund der Überbevölkerung oder vielleicht mit der Absicht die Gesellschaft (z.B. in arm und reich, intellektuell und arbeitend) zu trennen, wird die Welt in verschiedene digitale Ebenen eingeteilt, die parallel stattfinden, auf derselben Welt, sich aber nicht treffen.
Durch einen Systemfehler kommt es aber zu einer Kollision der beiden Welten, was einen Massenunfall und eine kollabierte Autobahnbrücken zur Folge hat.
Ich geh durch die zerstörte Landschaft und staune, weil ich zum ersten mal sehe, wie dieselbe Welt von den Bewohnern der andren Layer benutzt wird. Ich seh überall verletzte Menschen des anderen Layers rumliegen, die Hilfe benötigen. Es sind aber ganz andere Menschen, eher wie Robotter (ich erkenne Eva aus Wall-E), und ich weiss nicht, welche Art von Hilfe sie benötigen, Blut fliesst offensichtlich nicht in ihnen. Ich frage einen Jungen Mann, der verletzt ist und am Boden liegt, was er denn brauche. Er haucht mir drei Dinge ins Ohr: Wasser, Salz und noch etwas – ich eile los und schreib mir die Dinge in mein iPhone aus Angst, sie in der Aufregung zu vergessen. Ich komme zu einem Shopping-Center, immer noch im anderen Layer, es sieht gigantisch aus – ich mach trotz der Aufregung ein Foto und denke, das muss ich den Leuten in meinem Layer senden und frage mich, ob wohl facebook noch funktioniert, wenn die Ebenen kollabiert sind.
Im Supermarkt weiss man von der Katastrophe (noch) nichts – die sich offensichtlich nur lokal bei dieser Autobahnbrücke abgespielt hat und man versteht auch meine Aufregung nichts. Ich will wohl aus dem Supermarkt fliehen (vielleicht, weil ich die Dinge im anderen Layer sowieso nicht bezahlen hätte können – wie auch), ein Polizist am Hinterausgang will mich daran hindern. Da seh ich, wie hinter ihm eine ganze Reihe von futuristischen Fahrzeugen angerast kommen, die selbst ihn in Erstaunen versetzen; offensichtlich kommen sie auch nicht aus seinem Layer. Der Gedanke liegt also nah, dass die Welt nicht nur in zwei, sondern in drei oder in unendlich viele parallele Ebenen aufgeteilt wurde – prallen sie aus einem technischen Defekt alle aufeinander ist die Katastrophe perfekt.

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Herrmann

Herrmann ist 79. Er kommt aus Basel. Er war dort Lehrer an der Rudolf Steiner Schule. Er hat seine Arbeit sicherlich sehr gewissenhaft gemacht, vielleicht vierzig Jahre lang. Und jetzt das. Kaum ist Herrmann raus aus dem Berufsleben, schwappt diese Welle über die Jugend herein, die er zeitlebens versucht hat zu guten Menschen zu erziehen. Von Spielzeug mit Batterien, Robottern mit blinkenden Augen und sprechenden Barbie-Puppen hat er sie erfolgreich ferngehalten, zugunsten von Bauklötzen aus lokalem Eichenholz, Neocolor und umweltschonend gebleichtem Papier. Und nun sieht er sie aus den Schulen strömen, in der Tram sitzen, von der Welt abgeschieden mit bunten Kopfhörern, in ihre Geräte starrend. Herrmann will etwas dagegen tun. Er zieht sich zurück. Wir treffen Ihn in einer Dachkammer eines Hauses eines namenlosen Dorfes in Brandenburg. Dort denkt er darüber nach, wie er die Welt retten kann, vor einem Phänomen, das er selber nie kennengelernt hat.

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auto-nomous

auto-nomous

Es sieht aus, wie die Kinderzeichnung eines Autos (und es gibt im ganzen Internet nur diese beiden Fotos davon). Warum eigentlich? Soll damit verniedlicht werden, was für eine unheimliche (Fort-)Entwicklung der „Autonomous Car“, das selbstfahrende Automobil, bedeutet? Unheimlich darum, weil mit diesem Auto-mobil (das eigentlich erst jetzt den Begriff auto-mobil d.h. selbständiges Mobil verdient) ein Jahrhundert zu Ende geht, bei dem wir dachten, dass wir, die Menschen das Steuer in der Hand haben, die Dinge lenken und abgelöst wird durch eine neue Zeit, in der die Maschinen die Welt lenken. Ich muss nur noch einsteigen und der Knutschkugel sagen, wo sie mich hinbringen muss. Sie wird es tun und zwar auf dem schnellsten Weg, Staus vermeidend und wenn ich will noch eine Sehenswürdigkeit auf dem Weg einbauend. Das Auto wird das Auto, was um die nächste Hausecke biegen wird, erkennen, bevor ich es als Mensch sehen kann und die Parklücke ansteuern, bevor diese frei wird. Dieses knuddelige Ding sagt uns nichts anderes als: Mensch, Du bist (ab sofort) überflüssig. Lehn Dich zurück, genieß die Fahrt, lies was und denk nicht weiter darüber nach.

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Zwei Leben

Mozart war in meinem Alter schon 8 Jahre tot, Alexander der Große sogar 11 Jahre, mein eigener Urgroßvater starb 1918 knapp dreissigjährig an der spanischen Grippe. Stirbt heute jemand mit dreissig Jahren, spricht man davon, dass er „früh aus dem Leben gerissen wurde“ und wir sind fassungslos. Dabei ist eigentlich unfassbar, wie lange wir heute leben. Noch habe ich kein Buch geschrieben, keine Firma gegründet, keine Million verdient und keine Familie gegründet, heisst, wäre ich mit 30 gestorben, ich hätte nichts geschaffen, ja ich hätte gerade einmal einen ersten, festen Job ergriffen gehabt. Verlangsamt die Aussicht auf ein langes Leben künstlich unsere Biographie? Wenn ich auf meine Jugend in der Schweiz der 80er Jahre zurückblicke, denke ich, ja, wir haben als 20-jährige nicht annähernd das bewegt, was man in dem Alter bewegen kann. Ich ahne, dass das auch mit einem falsch verstandenen „Respekt gegenüber dem Alter“ zu tun hatte – Professor ist man eben mit 50 und nicht mit 30. Schaue ich heute auf die Gründer-Generation, zeigt sich mir ein ganz anderes Bild: Die jungen Menschen „geben Vollgas“ wie sie das selber nennen, haben keine Schranken im Kopf, aquirieren Mitte 20 Millionen für ihre Unternehmen und sind selber mit Mitte 30 Investoren. Die Amadeusse und Alexanders sind also wieder zurück, nur dass sie eben nach 30 noch ein zweites – und vielleicht sogar noch ein drittes Leben vor sich haben.

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Das Schloss

Das Schloss

Der Hauptsitz des Porzellanherstellers Villeroy&Boch in Mettlach. Hier wird noch Hardware hergestellt. Und zwar seit 1748.

Foto: Jörn Hendrik Ast, Berlin

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Kontroll Verlust

Wenn ich am Telefon spreche, kann ich nicht korrigieren, was ich gesagt habe. Bei der E-mail ist es anders: Wie lange sitze ich oft an einer E-mail, feile hier und da, bevor sie raus geht – und manchmal werden E-mails in einem Konzern über verschiedene Hierarchiestufen abgestimmt, bevor sie an den Empfänger gesendet werden. Das ist, weil die E-Mail als digitale Mail also als Briefi betrachtet wird. Betrachte ich die E-Mail aber eher als Konversation (zu Neudeutsch Chät), dann ist das eine radikale Veränderung,
– was die Zeit angeht, die ich mit einer E-Mail verbringe
– was die Qualität der E-Mail angeht
Ich schreib diesen Blogbeitrag jetzt mal mitten im Arbeitsstress, weil mir das grad so eingefallen ist, ohne nochmal drüber lesen, ohne Korrektur und SENDEN.

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Der Wandel als Kontinuität

Eigentlich ist es müssig, über den digitalen Wandel zu schreiben. So viel wandelt sich ständig, dass die Betrachtung über den Wandel veraltet ist, kaum habe ich sie ausgesprochen. War der Erwerb einer neuen Kasse einst eine Investition für das ganze Leben eines Krämerladens, wechselt man heute das „Customer Relations Management Tool“ bald jährlich, der heisseste Shit jagt den geilsten Scheiss, der Wandel wird zur Kontinuität. Ihn jedesmal als Wandel wahrzunehmen ist zu anstrengend geworden, ich spar mir die Aufregung, nehme ihn stumpf hin und will mich auf nichts mehr wirklich einlassen, denn morgen ist sowieso wieder alles anders.

Die interessante Frage in diesem ganzen Wandel-Wahnsinn ist, welche Veränderungen die Welt – und unser Leben wirklich verändern. Der schnellere Prozessor im Laptop bestimmt nicht. Das Carsharing? Ich befürchte, dessen Gegner werden recht bekommen und wir fahren alle genauso viel Auto wie zuvor, einfach nur mit geteilten statt mit geleasten Fahrzeugen. Das Crowdfunding? Fällt mir auch nur ein Ding ein, das es ohne Crowdfunding nicht gegeben hätte? Open Source? Ein kalifornisches Unternehmen stellt die technischen Daten für sein geniales Elektro-Auto der Welt zur Verfügung – aber passiert auch etwas damit?

Kulturpessimismus am Freitagabend. Frag mich Montagmorgen noch einmal.

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Online Shopper’s Confessions

Ja. Es ist traurig, das Aussterben des süßen kleinen Buchladens an der Ecke. Der Buchhändler war zwar etwas schrullig, von neuen Büchern hatte er keine Ahnung und sein Laden sah eher aus wie ein Antiquariat als wie ein Ort, wo man sich ein neues Buch kauft. Dennoch: Sehr traurig.

Aber mal Hand auf’s Herz. Was hast Du dafür getan, dass der Buchladen bleibt rsp. dagegen, dass jetzt an der Ecke ein weiteres Nagelstudio eröffnet? – eines der wenigen Dinge, die Amazon nicht anbieten kann; Nägel anmalen.

Und Dein Designer Sideboard? Ja, ich hab mich im Möbelgeschäft beraten lassen und es dann online gekauft. Ein paar Hundert Euro günstiger, kann mir das jemand verübeln? Und das Stilwerk wird ja nicht so schnell eingehen, wie der kleine Buchladen, der sich auch noch erstaunlich lange gehalten hat.

Und Globetrotter? Schon schön, dass es ein Outdoor-Geschäft gibt, bei dem ich alles an- und ausprobieren kann, den Treckingschuh sogar auf einem künstlichen Felsen und den Schlafsack in der Kältekammer. Und die VerkäuferInnen waren alle selber schon in Peru, Australien und Schottland trecken, biken und paddeln, wissen also, wovon sie reden. Aber dann auch da KAUFEN? Liebe Globetrotter Belegschaft, wir kommen dann wieder, wenn die im Internet gekauften Sachen kaputt sind und der Onlinehandel sie nicht zurück nimmt. Falls es Euch dann noch gibt.

Was wird bleiben, wenn wir ALLES online kaufen? Ich lass die Gedanken einmal meine Straße hoch und auf der anderen Seite wieder runter wandern: Der Inder wird bleiben, Bestellservice hin oder her, auch der kleine Kaffeeladen, der Italiener, der Thailänder, der Japaner und die Shishabar. Kaisers? Lebensmittel werden wir uns auch in Zukunft im Laden kaufen, weder wollen wir uns vorher überlegen, was wir abends essen, noch wollen wir nächsten Tags eine Tüte mit Gammelzeugs vor unserer Wohnungstär finden, wenn wir kurzentschlossen bei einem Freund übernachten. Und so viele Amazon-Drohnen werden gar nicht durch die Stadtluft fliegen können, wie Feierabendbiere, Ravioli, Tiefkühlpizza, Kondome und Klopapier spontan gebraucht werden. Auf der anderen Straßenseite sieht’s schlimmer aus: Der Schmuckladen: weg. Der Biofleischladen ist weg, auch wenn Biofleisch vermutlich das Vorletzte ist, was online geordert wird. Der Buchladen, wie gesagt jetzt Nagelstudio.

Im Silicon Valley liefern die Google-Fahrzeuge schon heute aus, was man sich vorher online ausgesucht hat. Vermutlich bringen die freundlichen Fahrer auch gleich mit, wonach man nur mal verschämt gegooglet hat: Die Antiaging-Creme, das 50 Cent günstigere Katzenstreu, das Auto-Tuning-Magazin und das Sexspielzeug.

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Zeit Flash

Opi erzählt: Manchmal ging in der Schulklasse ein Zettel rum: Schaut alle auf die Brosche der Lehrerin. Dann haben alle Schulkinder auf die Brosche der Lehrerin gestarrt bis diese erst irritiert war und zuletzt keinen graden Satz mehr rausbrachte. Ein Flashmob in den 30er Jahren, ganz ohne Internet und folglich nur zum (Miss)vergnügen der Anwesenden.

Auch die Diner en Blanc ist ein Flashmob, eine Veranstaltung, bei der sich tausende von Menschen, die sich nicht kennen, dazu verabreden, weiss gekleidet an weiss dekorierten Tischen aus weissem Porzellangeschirr zu essen. Der Ort der Veranstaltung wird kurzfristig über die sozialen Netzwerke preisgegeben. Doch wer glaubt, die Dinner en Blanc sei ein Kind der Facebook-Zeit, der irrt: Auch dieser Flashmob wurde schon 1988 in Paris ins Leben gerufen. Ohne Internet, dafür mit Eifelturm.

Diner en blancDiner en blanc, Berlin, 14. Juni 2014

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Polen ist offen

„Visit Poland. Your car is already there.“ Ein Sprichwort aus den Neunziger Jahren, in denen zumindest in Berlin immer wieder von Bestell-Diebstählen (Bringen sie mir doch bitte einen 7er BMW Jahrgang 1995 in Blau mit hellen Ledersitzen) und Teile-Diebstählen (ein LKW gefüllt mit hunderten von Airbags wird in Frankfurt/Oder angehalten) zu hören war.

Wer hätte gedacht, dass die Menschen eines Tages freiwillig ihre Autos nach Polen bringen. Diesmal, um sie dort reparieren zu lassen. Zurück zu dem 7er BMW Jahrgang 1995. Seine Zeit ist um, seine Zipperlein sind bekannt. Kaum einer kann es sich leisten, das Dichtungsringlein zu ersetzen, das den gesamten rollenden Luxus zum Stillstand bring. Das Ringlein kostet 30 Cent, es an der richtigen Stelle einzubauen allerdings gegen 10’000€.

Die wenigen Autobesitzer, die den Wahnsinn darin erkennen, ein 100’000€ Gerät wegen einer 20Cent-Dichtung wegzuschmeissen, werden sich ans Internet wenden und fündig werden: In Polen gibt es Garagen, die solche Reparaturen sachgerecht vornehmen, zu einem Bruchteil der Kosten. So kommt es, dass Luxuslimousinen mit Frankfurter- oder Zürcher Kennzeichen wie UFOs auf holprigen Straßen durch die Polnishen Wälder und Kleinstädte rollen – einem zweiten Leben entgegen.

ps: Was das Dichtungsringlein betrifft, empfiehlt sich die Lektüre des Buches „Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten“. Hier wird eine Situation beschrieben, in der der Fahrer eines BMW Motorrades sich weigert, sein Motorrad mit einem Alu-Scheibchen zu reparieren, das aus eine Bierdose herausgeschnitten wird, und lieber die Reise abbricht und einige Wochen auf das Original-Scheibchen aus München wartet, obwohl das Bier-Blechlein faktisch exakt dieselbe Funktion erfüllen würde.