(Hamburg-Punta Cana). Wir fliegen in den Urlaub. Weit weg. In die – oder sagt man AUF die? – Dominikanische Republik. Wir posten bei facebook, wir fliegen jetzt los und 10 Stunden später, wir sind jetzt da. Die Nachrichten werden auf den immer selben Server gespielt, und sie werden von unseren Freunden von immer demselben Server heruntergeladen. Der steht auf Island oder im Grönländischen Eis oder weiss ich wo, auf jeden Fall weder in Deutschland noch in oder auf der Dominikanischen Inselrepublik. Ich will damit sagen, auch wenn wir weg sind, sind wir nicht weg, genauso, wie wir nicht da sind, wenn wir da sind. Eigentlich sind wir alle immer auf einem Server in Grönland – und unsere Körper sausen irgendwo da draussen rum, um ihn zu füttern.
Kokosfett statt Internet
Karibik statt Berlin-Brandenburg. Palme statt Tannenbaum. Banane statt Bratapfel. Rhum statt Bier. Salz auf der Haut statt Fingerabdrücke auf dem Monitor. Frohe Weihnachten statt frohe Weihnachten.
Teilchenbeschleuniger
Heute Nacht habe ich einen 3D Kino würdigen Traum geträumt: Eine Staffel asymmetrischer, kubistischer, fliegender Kampfmaschinen legen vor den staunenden Touristen auf dem Ausflugsschiff halb Manhatten in Schutt und Asche. Man ahnt, es geht hier um eine Machtdemonstration, eine eventuelle Verunsicherung ist unbeabsichtigt.
Schnitt: Dieselben unförmigen Maschinen rasen durch die Tessiner Täler knapp über der Wasseroberfläche. Sie können sich sogar wie einige Vögel ins Wasser stürzen, und so taucht denn unvermittelt ein solches Gerät vor dem Bootssteg auf, auf dem ich grad gemütlich mit meiner Freundin sitze. Ein aus der Maschine ausgefahrenes Gewehr ist präzise auf meinen Kopf gerichtet und eine Stimme bittet mich – trotz des Tessins auf Schweizerdeutsch – mich auszuweisen.
Schnitt: Als emanzipierter Bürger möchte ich natürlich der Sache auf den Grund gehen. Ich finde eine Hotline der Kantonspolizei bei der mir ein freundlicher Mann erklärt, man würde jetzt diese Geräte einsetzen, um die Sicherheit in der Schweiz zu erhöhen. In einem Blog finde ich den Beitrag eines besorgten Bürgers, der fragt, ob die Maschinen denn auch genügend Munition mit sich führen würden. Ich überlege mir, dass die High Tech Ungeheuer bestimmt auch ihre Munition fortlaufend aus Materie generieren könnten, die sie aus der Luft sammeln, sehe dann aber davon ab, meine Idee in dem Blog kundzutun.
Back to Boti
“”Howe Street Meets Camley Street Park” erkundet den magischen Übergang zwischen Stadtleben und Natur. Eilige Fußgänger streifen ihre urbanen Fesseln ab”. So steht es auf dem Schild. Um meine urbanen – und vor allem digitalen – Fesseln abzustreifen bin ich hierher gekommen, in den Botanischen Garten, von meiner Frau, die mich vom Schreibtisch weg hierher gezerrt hat, liebevoll Boti genannt. Nun stehen sie da, die Bildschirme, wie um mich zu verhöhnen, mitten in der Natur. Es ist auch eine Kunst zu erkennen, wo Kunst überflüssig ist. Heute ist der zweite Advent, es Schneit und ich wünsche den Pflanzen im Park einen ungestörten Winter.
Eisenbahnzeitalter
In der (Deutschen) Bahn hat das Internetzeitalter noch nicht begonnen. Das Laden einer beliebigen Seite erfordert noch genau so viel Geduld wie mit dem allerdrsten Modem; das einzige, was ich dabei vermisse ist sein unmusikalisches Gezwitscher.
In der U1 zwischen Nollendorfplatz und Gleisdreieck ist kein Empfang. Da ich mich selber zwischen den beiden Stationen nicht (mit meinem iPhone) beschäftigen kann, freue ich mich über die panischen Blicke derjenigen, die das Phänomen nicht kennen und ungläubig in ihre dummen Smartphones starren.
gem(einsam)
gem(einsam)
Ich sitze im Flieger von Berlin nach San Francisco. Das letzte mal habe ich diese Reise 1987 als Schüler gemacht. Alle Passagiere haben damals zusammen aus ihren Böxchen gegessen, ok, das ist heute auch noch so. Danach aber wurde feierlich die Leinwand ausgerollt und wir haben alle zusammen Gottes vergessene Kinder (Children of a lesser God) gekuckt. Das gemeinsame Erlebnis war immerhin so stark, dass ich mich heute, ein Vierteljahrhundert später, noch daran erinnere. – Und heute? Um mich herum flimmern 200 Bildschirme, auf jedem läuft ein individuelles Programm, die privaten Second Screens noch nicht mitgezählt, die natürlich auch im Flugzeug nicht fehlen dürfen. Eine Kakophonie von World War Z, Koreanischen Martial Arts, Star Wars und Softporno stürzt auf mich ein, währenddem ich Bruce Springsteen höre, damit wenigstens noch etwas so ist wie damals.
Tatort
Das letzte gemeinsame mediale Ereignis (neben Fußball EM und WM) ist, zumindest in Deutschland, der Tatort, der schon in den 70er Jahren eine treuere Gemeinde hatte als die reformierte Kirche. Von den Digital Natives ganz klar der Eltern- und Spießergeneration zugeordnet und tot gesagt, erhält das pünktliche und unaufgeregte Sonntagviertelnachachtevent gerade durch erstere ein Revival; nun wird getwittert, was das Zeug hält, über den Filmschnitt genauso wie über den Ausschnitt der Komissarin.
Leerschlag
Ist das schwarze Quadrat von Malewitsch Kunst oder ist es nur ein schwarzes Quadrat im Sinne von „das hätt ich auch gekonnt“?
Auf jeden Fall hatte ich ein künstlerisches Hochgefühl und eine diebische Freude, als ich meinen Blogbeitrag „Leerschlag“ am Sonntag gepostet habe, noch ein leeres „Blatt Papier“ als pdf angehängt habe (um die Absichtlichkeit zu unterstreichen) und der RSS Feed der Ironblogger nichts gemerkt rsp. den Leerschlag als Beitrag gewertet hat.
Nur zwei Dinge kann man daraus schließen:
– entweder die Maschine ist so doof, dass sie nicht merkt, wenn sie übers Ohr gehauen wird
– oder sie ist so klug, dass sie die künstlerische Absicht hinter dem Experiment erkennt
Die Freuden des digitalen Immigranten
Ich bin es leid, über die Leiden des digitalen Immigranten zu schreiben. Ja, ich habe ein Problem damit, wenn alle sechs Monate ein Betriebssystem-Update herauskommt, an das sich mein ab 1970 programmiertes Hirn gewöhnen soll. Ich will aber in Zukunft auch vermehrt über die neuen Freuden und Freiheiten schreiben, die mir das digitale Zeitalter beschert: Diese Woche ist beispielsweise das Berliner Startup Carzapp mit ihrem Carsharing-Dienst an den Start gegangen und erweitert die sowieso schon enorme Flotte der mir zur Verfügung stehender Autos in der Stadt noch einmal – Bhagwan würde erblassen vor Neid.
Und: Vor mir auf dem Tisch liegt (m)eine Auswahl der 58mm Limited Edition der Schweizer Taschenmesser von Victorinox. Entstanden sind die Designs nicht hinter verschlossenen Mauern in einem Kämmerlein des Traditionsunternehmens im Örtchen Ibach in den Schweizer Voralpen. Entstanden sind sie in zwei internationalen „Crowdstorms“ auf der kreativen Crowdstourcing Plattform jovoto, bei denen tausende von Kreativen aus über sechzig Ländern der Welt teilgenommen haben und selber darüber abgestimmt haben, welche Taschenmesser hergestellt werden sollen. Mag der Begriff Prosument ansonsten abstrakt erscheinen; hier kann man die von ihm geschaffenen Produkte ansehen und anfassen.
Die Messer der 2012er und der 2013er Edition sind weltweit erfolgreich auf dem Markt. Der Crowdstorm für 2014er Edition beginnt in drei Tagen, am 30.10.2013.
Und wenn das hier wie ein Werbetext klingt, dann nicht, weil es ein Werbetext ist (sonst würd‘ ich ihn in einem Medium veröffentlichen, das auch Leser hat) sondern weil ich mich im Stillen freue, als digital Immigrant (und als Schweizer) Teil dieser wundersamen Entwicklung zu sein.
In dubio pro techno
Ich bin modern. Ich nutze Webex, um eine Videokonferenz mit meinem Kunden in 1000km Entfernung abzuhalten. Ich bin modern. Ich nutze das allerneueste MacBook Air, um das zu tun. Und plötzlich ist es wieder da. Das Gefühl, dass ich total von Vorgestern bin; Ich kann den Kunden zwar sehen, schaffe es aber trotz immer panischerem Rumfuchteln in allen zur Verfügung stehenden Popups und Systemeinstellungen nicht, meine Kamera zu aktivieren. Das moderne ich bleibt also dem Kunden verborgen, und da ist es wieder, das Gefühl, dass auch mein Kunde denken muss, dass ich von Vorgestern bin. Aber heute geb ich nicht auf. Heute gehe ich der Sache auf den Grund. Frag den einen Kollegen, dann den zweiten und dritten. Und als mir auch die nicht weiterhelfen können, rufe ich die Cisco-Götter an, und siehe da: Das Problem ist ihnen bekannt. Sie arbeiten dran. – Hat Ihnen diese Antwort weitergeholfen? Nein, verdammt: Erstens hat sie mein Problem nicht gelöst und zweitens ist sowohl mein Selbstwertgefühl als auch mein (sprichwörtliches) Ansehen unwiederruflich beschädigt.
Die Frage stellt sich mir im Umgang mit der modernen Technik immer wieder: Wenn der Scanner am Flughafen mein E-Ticket nicht erkennt, bin ich zu doof oder der Scanner zu kurzsichtig? Wenn das Navi mich in eine Sackgasse führt, wer ist dann schuld, das Navi, oder ich, weil ich mich stumpf auf das Navi verlass? – In 9 von 10 Fällen gewinnt die Technik – und meine jüngeren MitarbeiterInnen zeigen mir mit einem Lächeln, was ich wieder falsch gemacht habe – dieses eine mal gewinne ich. Umso inbrünstiger ruf ich den Programier-Göttern zu: Macht Eure Hausaufgaben!




